Die Tage kam der Lieblingsschwager mit einem ganzen Sack voll textiler Schätze aus dem gesamten letzten Jahrhundert. "Da ist bestimmt was für dich dabei." meinte er lapidar.
Er hätte die Stücke aus der Erbschaft einer Freundin, die damit nichts anfangen könne.
Ich bin absolut fasziniert von den Sachen und hoffe, die ein oder andere kann das hier nachvollziehen. Denn meine Leute hier im Haus zucken nur etwas ratlos mit den Schultern.
Als Einstieg hier eins der Tischsets, zu denen es noch eine gewaltig bestickte runde Tischdecke gibt.
Perlgarn, diese Ornanente und Farben- Das sind die 70er Jahre in Reinkultur.
Und im Retrohype wirkt das schon wieder modern.
(Die Tischdecke werde ich gnadenlos verwenden- da muss meine Familie durch.)
Aussteuersachen waren dabei- wie so oft noch unbenutzt.
Hier sogar mit dem nostalgischen Band, das das halbe Dutzend schön zusammenhält.
Mit dem Datieren der klassischen Weißwäsche tu ich mit naturgemäß schwer, dazu kenne ich die Geschichte der Familie nicht gut genug. Ob die Ziffern unter den Monogrammen das Jahr der Entstehung zeigen oder eine einfache Durchnummerierung der Aussteuer sind?
Vollkommem geplättet bin ich aber von den hoffnungslos altmodisch gestickten Tischdecken, die es in vielen verschiedenen Größen und Formaten gibt.
Stellvertretend hier ein Prachtexemplar mit einem Durchmesser von 170cm:
Die Faszination kommt erst, wenn man sich das genauer anschaut. Ich vermute mal, dass die Blüten geklöppelt sind und dann eingebunden wurden.
Das Foto ist groß- die Details sind wunderschön.
(Edit: Hier handelt es sich um Nadelspitze, das wird tatsächlich nur mit der Nähnadel ausgeführt und ist somit nicht geklöppelt. Danke für deine aufschlussreiche Mail, Wilma! )
Es gibt weitere Durchbruchsstickereien oder was immer das auch sein mag. Ich kenne nicht einmal genau die Bezeichnungen und hätte allergrößte Schwierigkeiten, so etwas auch nur annähernd so perfekt hinzubekommen.
(Edit: Das ist Richelieustickerei.
Ganz klassisch: Konturen werden mit dem Langettestich gestickt und daran entlang wird ausgeschnitten. Stege stabilisieren das dann dekorativ. )
Der Stoff liegt nur 85cm breit, mehr war damals technisch nicht machbar.
Das Zusammennähen der einzelnen Teile fügt sich in das Gesamtbild ein und trennt das Mittelteil von den Seiten, die die Tischkante herunterhängen sollen.
Auch hinten ist die Arbeit blitzsauber. Die Langettenkanten sind mit einem Festonstich eng eingefasst. Himmel- was für ein Zeitaufwand!
Klar, das alles ist hoffnungslos altmodisch, aber ich habe einen Heidenrespekt vor der handwerklichen Leistung.
Unten ist ganz gut zu sehen, was da an Techniken zur Schau gestellt wurde. Wir würden uns heute auf wenige Stilelemente beschränken um den Gesamteindruck nicht zu überfrachten, aber damals war das wohl der stolz einer jeden Hausfrau.
Was ich mit den Schätzen mache?
Keine Ahnung.
Einige Sachen habe ich schon mit Eau de Javel vom Gilb und den ärgsten Stockflecken befreit und werde sie weiterverarbeiten.
Aber es wäre wohl ein Sakrileg, ein Zeitzeugnis wie die Decke oben zu zerschneiden .
Vielleicht habt ihr ja auch solche Sachen zuhause liegen- was macht ihr damit?
Umarbeiten, archivieren oder verwenden?
Zeigt mal! :)



































